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Von Michelangelo zu Malskat

Jede Epoche hat ihre Meister - und Fälscher. Um das Jahr 1490, als der geniale Michelangelo noch Malschüler war, wurde ihm ein Porträt vorgelegt, das er nachzeichnen sollte. Die Arbeit gelang dem 15jährigen so gut, dass er das Original für sich behielt und die Kopie zurückgab.

Niemand bemerkte den Schwindel, auch sein Lehrer nicht - bis der Knabe selber plauderte. "Das verschaffte ihm großen Ruhm", kommentierte Lucio Favelli, ein zeitgenössischer Biograph Michelangelos. Einige Jahre später meißelte der junge Florentiner aus einem Marmorblock einen schlafenden Cupido. Als ein Kunsthändler den zu sehen bekam, gab er Michelangelo den Tip: "Wenn du ihn in die Erde vergraben würdest, würde er für antik gehalten. Und wenn du ihn zugerichtet, als ob er alt sei, nach Rom schicken würdest, so möchte dir das weit mehr einbringen, als wenn du ihn hier verkauftest." Es ist umstritten, ob Michelangelo nun selber die empfohlene Manipulation ins Werk setzte oder ob nur der Händler aktiv wurde - auf jeden Fall fand man einige Monate später auf einem römischen Weingut eine "klassische" Marmorstatue. Der Kurienkardinal San Giorgio zahlte für die Fälschung 200 Florentiner Dukaten, und Michelangelo erhielt vom Händler einen Anteil am Verkaufserlös. Das Täuschungsmanöver flog 1496 auf und wurde als erste handfeste Affäre in der langen Geschichte der Kunstfälschungen bekannt. Michelangelos Karriere tat der Skandal keinen Abbruch. Vielmehr gelangte er "durch dieses Ereignis zu großem Ruhm", wie ein anderer Biograph, Giogio Vasari, notierte. Offenkundig gibt es Kunstfälscher, solange es Künstler gibt, und jede Epoche hat neue Meister der Makulatur hervorgebracht. Doch nie zuvor blühte das Fälscherhandwerk so üppig wie in unserer Zeit. Allein für den Zeitraum der sechziger Jahre listeten amerikanische Zollfahnder eine gigantische Zahl in die USA importierter Falsifikate auf: Rembrandt 9 428mal, Corot 103 227mal, Watteau 113 254mal, Utrillo 140 000mal. In der Geschichte der großen Fälscher dieses Jahrhunderts nimmt der holländische Maler Han van Meegeren einen besonderen Rang ein. Da seine eigenen Werke wenig Beachtung fanden, rächte er sich in den dreißiger Jahren am Kunstbetrieb mit Fälschungen. Er experimentierte mit Farben, Harzen, Fetten und Firnissen, zerstampfte Lapislazuli, um das schönste Blau zu gewinnen, durchstöberte Trödelläden nach alten Rahmen und alter Leinwand. Schließlich malte er Bilder in der Manier des großen Vermeer, allerdings Motive, die man von dem Meister nicht kannte: Szenen aus der Bibel. Die Fachleute waren begeistert ob dieser "Entdeckungen". Eine von ihnen, van Meegerens Jünger in Emmaus, erhielt im Rotterdamer Museum Boymans-van-Beuningen einen Ehrenplatz und wurde millionenfach reproduziert. Mit der Tafel Christus und die Ehebrecherin, angeblich auch von Vermeer, hatte er weniger Glück. Das Werk wurde vom Kunstjägermeister Hermann Göring für 1,65 Millionen Gulden angekauft und brachte van Meegeren nach dem Krieg eine Anklage wegen Kollaboration ein. Um der Todesstrafe zu entgehen, gestand er: kein Vermeer, ein van Meegeren. Zum ersten Großfälscher der deutschen Nachkriegsgeschichte avancierte der Ostpreuße Lothar Malskat, ansässig in Lübeck. An die 600 Gemälde und Aquarelle - Rembrandt, Utrillo, Renoir, Klee, Kokoschka, Beckmann - hat er meisterlich nachempfunden. Darüber hinaus legte er bei Restaurierungsarbeiten in den Kirchen St. Peter in Schleswig und St. Marien zu Lübeck vermeintlich sensationelle Fresken aus dem 13. Jahrhundert frei. Der Gotik-Papst Professor Alfred Stange feierte die von Malskat gefälschten Wandmalereien sogar in einem Buch: Als der Maler im Frühjahr 1988 verstarb, wurden seine Werke längst in Galerien und Auktionshäusern gehandelt. Forscher Stange, Verfasser eines elfbändigen Standardwerkes, ging auch einem anderen begnadeten Maler auf den Leim. Nachdem der Bayer Christian Goller eine Tafel Liebespaar mit der Ansicht Wasserburgs in altmeisterlicher Art auf einer ausgedienten Schranktür nachgestaltet hatte, schrieb Stange das Malwerk einem gewissen Gordian Guckh zu, der zwischen 1513 und 1540 an der Salzach lebte. Christian Goller, gelernter Tiefdrucker und Restaurator, war 1966 von der Münchener Kunstakademie abgelehnt worden. Deshalb studierte er privat in Max Doerners Lehrbuch Malmaterial und seine Verwendung im Bilde den Umgang mit Pinsel und Palette. Beide führte er in altdeutschem Geiste, seine Vorbilder waren Cranach, Dürer und Grünewald. Über den wusste er, dass drei seiner Altartafeln, die einst im Mainzer Dom gestanden hatten, seit dem Dreißigjährigen Krieg auf dem Grund der Ostsee lagen, über die sie der Schwedenkönig entführen wollte. Allerdings gab es eine Vorzeichnung der Heiligen Katharina im Berliner Kupferstichkabinett. Danach fabrizierte Goller die Imitation des verschwundenen Heiligenbildes auf eine Ahornplatte. Und das Werk machte seinen Weg. Ein Sammler sah die Schutzfrau der Gelehrsamkeit in Gollers Wohnung, kaufte sie für 4 500 Mark und reichte sie für 50 000 Mark weiter an einen angesehenen Münchener Kunsthändler - als Erbstück einer Tante aus dem Elsaß. Der marktkundige Händler ließ die Heilige weiterwandern, und zwar über New York in das Cleveland Museum of Art in Ohio, das bestrenommierte Haus für altdeutsche Malerei in den USA: Im Oktober 1977 gab das Museum beschämt zu: Der Grünewald ist eine Neuschöpfung. "Reich", bekannte Goller, der Nachbildner alten Kulturerbes, "kann man damit nicht wern. Aber angenehms Oarbeiten ist es scho." Und Anerkennung bringt's auch. "Der Mann ist gut", lobte Hubertus Falkner von Sonnenburg, ehedem Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, der dem Imitator auf die Spur kam. "Der Mann ist besser als Lothar Malskat." Das durfte er erneut unter Beweis stellen, als er unlängst in Dresden die Deckengemälde der neu erstandenen Frauenkirche wieder neu in Szene setzte. In offiziellem Auftrag, versteht sich. Kriminelles Kaliber, gar den Rang eines "Königs der Fälscher" besaß der Ungar Elmer Hoffmann, der sich Elmyr de Hory nannte. Oder Herzog. Oder Cassou. Oder Raynal. Oder Dory-Boutin. Hoffmann, Sohn eines Gutsbesitzers vom Plattensee, war seit früher Jugend der Kunst zugetan. In Paris lernte er das Handwerk an der Akademie unter Anleitung des großen Fernand Léger. Der Erfolg, den der junge Maler anfangs hatte, versickerte in den Kriegsjahren. Also zog Hoffmann durch Europa, die USA und Mexiko, stieg in den ersten Hotels ab, pinselte dort Graphiken und Ölbilder in der Art der Impressionisten, der Fauvisten und der École de Paris und verkaufte sie ortsansässigen Händlern und Sammlern. Später sprang Hoffmanns Intimfreund Fernand Legros ein und scheffelte Millionen. Immer nach der Devise: "Es gibt keine falschen Bilder, es gibt nur beglaubigte und unbeglaubigte." Die Beglaubigungen beschaffte Legros bei Künstlerwitwen und Experten wie dem deutschen Fachmann Arthur Pfannstiel. 1967 flogen die beiden auf. Eine Kunstkommission nahm die Sammlung eines texanischen Ölmillionärs unter die Lupe. Und es fanden sich unter den 58 Stücken 44 Fälschungen aus der Hand Hoffmanns - Werke à la Cézanne, Gauguin, Modigliani, Picasso, Vlaminck und anderen. Die Zeitungsmeldungen überschlugen sich. Über den Fälscher Hoffmann erschien ein Buch. Ebenso über den Händler Legros. Orson Welles verfilmte den Fall in dem Streifen F. Und Legros höhnte: "Kaufen Sie nie ein Original, dessen Kopie im Louvre hängt." Diesen Satz könnte auch von dem Engländer Tom Keating stammen. Dieser liebenswürdige ältere Herr mit weißem Bart offenbarte seiner erheiterten Nation, dass er mehr als 2 000 Fälschungen unter die Leute gebracht und jahrelang die Kunstwelt zum Narren gehalten habe. Der Sohn eines Anstreichers hatte Werke aus der Zeit der englischen Romantiker bis zur Epoche der deutschen Expressionisten nachempfunden. Hatte sich Tunken aus geschmorten Äpfeln und Kaffeesatz bereitet, um die Bilder zualtern. Hatte aber auch Hinweise auf sein Tun hinterlassen: In der Grundierung der Bilder fanden sich derbe Sprüche oder schlicht das Wort "fake". Einen feuchtfröhlichen Spaß erlaubte sich Keating bei einem Rembrandt aus seiner Werkstatt: Einem alt-niederländischen Trinker gab er ein Glas in die Hand, das den Markennamen "Guiness" trug. Die Briten hatten so viel Spaß an ihrem Meisterfälscher, dass sie ihm gleich zwei Fernsehserien widmeten, in denen er seine Fertigkeiten vorführen durfte.
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